Eine Liquiditätsfalle im eCommerce entsteht, weil viele Unternehmer:innen viel zu wenig mit ihren Steuerkanzleien kommunizieren und diese Lücke dann mit Halbwissen füllen. Das sieht man jedes Jahr im Dezember besonders deutlich: Q4 läuft, das Konto ist voll, und plötzlich heißt es: „Ich muss jetzt schnell noch Ware einkaufen und sofort bezahlen, dann senke ich meine Steuerlast für das laufende Jahr.“
Genau diese Denkweise ist weit verbreitet und in den meisten Fällen falsch.
Was wie ein cleverer Steuertrick wirkt, ist häufig nur eine Liquiditäts-Entscheidung, die als Steuersparen verkauft wird. Und die kann im ersten Quartal 2026 richtig wehtun, wenn der Umsatz nach dem Weihnachtspeak typischerweise abflaut, während Verpflichtungen und Kosten unbeeindruckt weiterlaufen.
Warum Wareneinkäufe deine Steuerlast in 2025 nicht drücken
Der Kernfehler liegt in einem Missverständnis darüber, wie Wareneinkäufe steuerlich behandelt werden.
Bei vielen Händlern im Regelbesteuerungsverfahren sind Wareneinkäufe nicht automatisch sofort gewinnmindernde Betriebsausgaben, sondern werden als Umlaufvermögen beziehungsweise Vorräte bilanziell aktiviert.
Das bedeutet: Die Ware, die du kaufst und bis zum 31.12.2025 nicht verkaufst, liegt steuerlich betrachtet nicht als „Kosten“ im Jahr 2025, sondern als Bestand in der Bilanz. Gewinnmindernd wirkt der Einkaufspreis erst dann, wenn die Ware tatsächlich verkauft wird. Erst dann wird der Wareneinsatz wirksam und reduziert die Steuerbasis für Einkommen- und Gewerbesteuer.
Bleibt die Ware also bis Jahresende im Lager, verschiebt sich der Effekt ins Jahr 2026. Eine künstliche Vorratsansammlung Ende Dezember ändert daran nichts. Sie ist steuerlich neutral, weil sie nur Liquidität in Bestand umwandelt, ohne den Gewinn unmittelbar zu senken.
„Vorsteuer ziehen“ ist kein Steuerspar-Trick
Und ja: Über die Umsatzsteuer wird dann gern argumentiert, man könne sich „Vorsteuer ziehen“. Das ist aber kein Steuerspar-Trick, sondern normaler Durchlauf im System und hat mit der eigentlichen Steuerlast, um die es beim Jahresende geht (Einkommen-/Körperschaft- und Gewerbesteuer), praktisch nichts zu tun.
Was Händler wirklich unterschätzen: die Liquidität nach Q4
Die eigentliche Gefahr liegt nicht in der Theorie, sondern ganz praktisch im Cashflow. Wer im starken Q4 angesichts voller Kassen „auf Vorrat“ nachkauft und diese Ware oft sogar sofort bezahlt, sieht nur diese eine Bewegung: Geld raus, Ware rein. Genau das führt dazu, dass sich viele Händler im Dezember „reicher“ fühlen, als sie es tatsächlich sind, weil Umsätze und Zahlungseingänge die Realität verzerren.
Q4 ist oft nicht der große Überschuss, sondern stopft in vielen Fällen erst einmal die Löcher aus den Monaten davor: offene Posten, aufgelaufene Kosten, stille Verpflichtungen, die man im Alltag verdrängt, weil der Peak alles überstrahlt.
Smarte Alternativen statt Lager aufblasen
Wer wirklich optimieren will, sollte deshalb nicht reflexartig das Lager aufblasen, sondern gezielt an Stellschrauben drehen, die real wirken, ohne die eigene Zahlungsfähigkeit zu gefährden. Dazu gehören etwa geringwertige Wirtschaftsgüter: Investitionen bis 800 Euro netto können in vielen Fällen direkt als Betriebsausgabe berücksichtigt werden und wirken sofort auf den Gewinn. Auch Abschreibungsstrategien für größere Investitionen wie Maschinen, Software, Fahrzeuge, lassen sich sauber planen, wenn sie zum Bedarf und zur Liquidität passen.
Zusätzlich können Instrumente wie der Investitionsabzugsbetrag interessant sein, um geplante Investitionen steuerlich vorzubereiten. Vorauszahlungen können ebenfalls eine Rolle spielen, allerdings nur dort, wo Leistung, Zeitraum und steuerliche Zuordnung wirklich sauber sind, sonst kauft man sich Diskussionen statt Vorteile.
Und vor allem: Wer unsicher ist, sollte nicht auf Hörensagen setzen, sondern das Thema frühzeitig mit dem Steuerberater durchsprechen. Mit Blick auf Steuern und Cashflow auf das ganze Jahr, nicht nur auf den Dezember.
Q1 ist der Moment der Wahrheit
Und dann kommt Q1. Für viele ist das der Moment der Wahrheit.
Plötzlich laufen die Zahlungswellen auf: Kreditkartenabrechnungen mit Ads-Kosten, Agenturen, Tools, Logistik, Lager, Personal. Dazu Retouren, die Umsatz zurückdrehen, während die Kosten bleiben. Gleichzeitig flacht der Umsatz nach dem Peak ab.
In genau diesem Moment treffen viele Händler auf eine unheilige Allianz: feste Zahlungsverpflichtungen, sinkender Cash-In, Rückabwicklung durch Retouren und parallel der Druck, neue Ware einzukaufen und weiterzuentwickeln, damit das Geschäft nicht stehen bleibt.
Wer in dieser Phase sein Konto im Dezember mit „Steuersparen durch Ware“ leergeräumt hat, nimmt sich selbst den Liquiditästpuffer, den er im Q1 dringend braucht.
Liquiditätsplanung statt Steuer-Panik
Am Ende geht es nicht darum, im Dezember „noch schnell Steuern zu sparen“. Das ist die falsche Denkrichtung zur falschen Zeit.
Der Dezember ist für Händler kein Steuer-Monat, sondern ein Liquiditäts-Monat.
Der bessere Schluss für 2025 ist deshalb kein voller Lagerbestand, sondern ein klarer Plan: Wie viel Liquidität muss in den ersten 8 bis 12 Wochen 2026 verfügbar sein? Realistisch, konservativ, inklusive aller automatischen Abbuchungen und Zeitverzüge?
Wer sich das sauber aufschreibt, merkt schnell: Nicht die Steuer ist der Engpass. Der Engpass ist Cash. Und wer Cash im Griff hat, startet nicht nur stabil ins neue Jahr, der hat auch die Freiheit, klug zu investieren, statt nur zu reagieren.
Auch im Q1 2026 werden wieder viele Onlinehändler pleite gehen. Leider. Darunter werden auch solche sein, die im Q4 genug Geld verdient haben, aber mit dieser Liquidität falsch umgegangen sind.
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