Die eCommerce-Szene hat ein Problem mit der Steuerberatung

Onlinehändler haben ein Problem mit der Steuerberatung

Warum der Onlinehandel dringend bessere Steuerberater braucht und was das für Kanzleien bedeutet:

Die eCommerce-Szene hat ein Steuerberatungsproblem. Dieser Satz klingt zunächst provokant, beschreibt aber eine Entwicklung, die sich seit Jahren immer deutlicher abzeichnet. Viele Onlinehändler kennen das Gefühl: Das Business läuft, die Strukturen werden komplexer, aber die passende Steuerkanzlei dafür zu finden, ist nahezu unmöglich.

Während die Zahl der Onlinehändler, D2C-Marken, Marketplace-Seller und digital arbeitenden Handelsunternehmen massiv wächst, wächst die Zahl der Steuerkanzleien mit echter eCommerce-Kompetenz bei weitem nicht in derselben Geschwindigkeit mit. Daraus entsteht eine strukturelle Schieflage, die viele Händler täglich spüren und die längst nicht nur etablierte Unternehmen trifft. Auch Gründer, die gerade erst starten, stoßen früh auf dasselbe Problem: Sie finden schlicht keine Kanzlei, die ihr Geschäftsmodell versteht und das Mandat übernehmen möchte.

Kanzleisuche im Vakuum: Wenn niemand das Mandat übernehmen möchte

Das Problem beginnt häufig schon sehr früh. Wer heute ein digital getriebenes Handelsunternehmen gründet, findet relativ schnell Dienstleister für Shop-Systeme, Payment, Fulfillment oder Performance-Marketing. Die Suche nach einer Steuerkanzlei, die die Realität des digitalen Handels tatsächlich versteht, ist eine andere Geschichte. Viele Händler berichten davon, dass sie schlicht keine Kanzlei finden, die neue Mandate aus dem eCommerce überhaupt annimmt oder sich fachlich sicher genug fühlt, sie sauber zu betreuen.

Dabei geht es beim Onlinehandel längst nicht mehr um ein Spezialthema am Rand der Wirtschaft. Der digitale Handel hat sich in den letzten dreißig Jahren tief in nahezu alle Branchen hineingeschoben. Hersteller verkaufen direkt an Endkunden, stationäre Händler bauen Social-Commerce-Kanäle auf, Influencer werden Unternehmer. Selbst kleine Teams verkaufen heute international über Plattformen, die vor wenigen Jahren in Europa kaum jemand kannte. Wie schnell sich das vollzogen hat, wird außerhalb der Branche noch immer unterschätzt.

Strukturen wie Konzerne, in Unternehmen mit zehn Mitarbeitern

Hier liegt die eigentliche Herausforderung für Steuerkanzleien. Der Onlinehandel hat mit klassischen Handelsstrukturen oft nur noch wenig gemeinsam. Schon kleine Unternehmen arbeiten mit internationalen Warenbewegungen, Fulfillment-Strukturen in mehreren europäischen Ländern, OSS-Regelungen, Plattformabrechnungen und täglich tausenden Transaktionen. Lager in Polen, Tschechien oder Spanien, drei Verkaufskanäle parallel, ein Team von acht Leuten, das ist heute kein Ausnahmefall mehr, sondern normaler Mittelstand im digitalen Handel. Früher waren solche Strukturen Konzernen vorbehalten. Im eCommerce entstehen sie in der Seed-Phase, von Tag eins an. Groß gedachte Distribution ist Teil des Businessplans.

Das überfordert viele Kanzleien. Nicht, weil sie schlechte Arbeit machen, sondern weil sich der digitale Handel schneller verändert, als es jede der üblichen Fortbildungen für Mandatsträger:innen und Mitarbeitende abbilden kann. Plattformen passen Prozesse an, neue Vertriebskanäle entstehen, KI verändert gerade, wie Produkte gefunden werden. Wer Onlinehändler steuerlich begleiten will, muss diese Geschäftsmodelle von innen verstehen, nicht nur buchen können.

Das eigentliche Problem: fehlendes Gesamtverständnis

Die Schwierigkeit liegt selten in einzelnen Buchungssätzen. Sie liegt im Gesamtverständnis. Wer nie gesehen hat, wie bspw. komplex Amazon-Auszahlungen aufgebaut sind, wie Marktplatzgebühren Margen verschieben oder wie chaotisch Daten aus den verschiedenen Plattformen und Vertriebskanälen ankommen, wird die Realität dieser Unternehmen nicht vollständig erfassen. Das merken Händler schnell, spätestens dann, wenn Fragen unbeantwortet bleiben oder Prozesse immer wieder neu erklärt werden müssen.

Dazu kommt ein strukturelles Problem. Es fehlt jede Orientierung und das, was wir neudeutsch Trust nennen. Händler können kaum erkennen, welche Kanzlei wirklich eCommerce-Erfahrung hat und welche das Thema nur kommunikativ besetzt. Im Handel selbst gibt es für die Kund:innen der Händler seit Jahren funktionierende Vertrauensmechanismen wie Trusted Shops, eKomi und weitere Bewertungsplattformen. Für die steuerliche Spezialisierung auf den digitalen Handel existiert so etwas nicht. Händler suchen im Blindflug. Angesichts der dramatischen Konsequenzen, die eine falsche Buchhaltung haben kann, kein gutes Gefühl für die Unternehmer:innen, die nachher auch ihren Kopf hinhalten müssen.

Das wäre weniger kritisch, wenn die Fehlertoleranz größer wäre. Ist sie aber nicht. Onlinehändler wachsen oft sehr schnell, internationalisieren früh und bewegen hohe Warenwerte über Plattformen und Ländergrenzen hinweg. Ein Fehler in steuerlichen Prozessen entfaltet unter diesen Bedingungen der massiven Anzahl an grenzüberschreitenden Warenverbringungen eine andere Wirkung als im klassischen Einzelhandel. Die ordentliche Buchhaltung ist nicht Selbstzweck, sondern es geht um die operative Stabilität des Unternehmens und auch um die strafrechtliche Unbedenklichkeit für die Verantwortlichen in den Unternehmen.


12 Dinge, die Steuerkanzleien über Onlinehändler wissen müssen

12 Dinge, die Steuerkanzleien über Onlinehändler wissen müssen

Onlinehändler gehören zu den am schnellsten wachsenden Mandanten, arbeiten aber oft völlig anders als klassische Unternehmen. Dieser kompakte Leitfaden zeigt Steuerkanzleien, wie digitale Händler denken, wo typische Reibungspunkte entstehen und wie sich die Zusammenarbeit effizient gestalten lässt. Eine praktische Orientierung für Kanzleien, die diese Mandantengruppe besser verstehen und langfristig erfolgreich betreuen wollen.

Jetzt gratis herunterladen

Erste Orientierungspunkte entstehen, aber sie sind noch selten

Vereinzelt beginnen sich jedoch Strukturen herauszubilden, die Händlern zumindest einen ersten verlässlichen Anhaltspunkt geben. Ein Beispiel dafür ist fynax, die auf eCommerce spezialisierte Steuerberatungs- und Finanzbuchhaltungsmarke innerhalb der ETL-Gruppe, mit über 950 Kanzleien Deutschlands größte Unternehmensgruppe für Steuerberatung, Wirtschaftsprüfung, Rechts- und Unternehmensberatung. Das Modell funktioniert über einen klar definierten Qualifikationsrahmen: Kanzleien, die unter diesem Label arbeiten, müssen nachweisen, dass sich mindestens ein Mandatsträger aktiv im Bereich eCommerce weitergebildet und qualifiziert hat.

Es ist ein Signal in einem Markt, in dem Händler bislang im Blindflug nach Kanzleien suchen. Dass eine der größten Steuerberatungsgruppen Deutschlands diesen Schritt geht, zeigt, dass das Thema in der Branche angekommen ist.

Berührungsängste mit Vorsystemen: ein lösbares Problem

Ein konkretes Hindernis, das in der Praxis häufig unterschätzt wird, sind die Berührungsängste vieler Kanzleien mit den Vorsystemen, ohne die eine Finanzbuchhaltung für Onlinehändler schlichtweg nicht funktioniert. Wer noch nie mit Schnittstellen zu Shopsystemen, Marktplatz-Exportdateien oder Buchhaltungstools wie Xentral, Billbee oder AccountOne gearbeitet hat, steht vor diesen Strukturen zunächst oft ratlos. Das ist menschlich verständlich, aber kein Argument gegen die Spezialisierung.

Denn dieser Schulungsbedarf ist lösbar und zu bewältigen. Es geht überhaupt nicht darum, Entwickler auszubilden, sondern zu verstehen, wie Daten fließen, wo sie herkommen und wie ein sauberes Setup zwischen Händler und Kanzlei aussieht. Kanzleien, die diesen Schritt gegangen sind, berichten regelmäßig davon, dass die anfängliche Hürde deutlich kleiner war als befürchtet.

„eCommerce lohnt sich nicht” ist ein Irrtum mit System

Häufig ist seitens der Kanzleien auch zu hören, dass der Deckungsbeitrag bei eCommerce-Mandaten zu niedrig sei. Dass sich der Aufwand schlicht nicht rechne. Dieses Argument verdient eine ehrliche Antwort: Wenn es stimmt, ist es ein hausgemachtes und unnötiges Problem.

Wenn Kanzlei und Händler nicht sauber aufeinander abgestimmt arbeiten, wenn Vorsysteme ignoriert werden, wenn Daten manuell aufbereitet werden müssen, die eigentlich automatisiert ankommen könnten, dann rechnet es sich tatsächlich nicht. Dann verbringen Mitarbeitende Stunden mit Tätigkeiten, die ein vernünftiges Setup in Minuten erledigen würde. Das Problem liegt dann aber nicht im Geschäftsmodell des Händlers. Es liegt im fehlenden Setup der Zusammenarbeit.

Wer hingegen versteht, wie Vorsysteme funktionieren, wie ein gemeinsames Datenfundament aufgebaut wird und welche Automatisierungen heute bereits möglich sind, für den verändert sich das Bild komplett.

Moderne Tools, KI-gestützte Buchungsautomatisierung und klar definierte Prozesse machen aus einem Onlinehändler einen der wartungsärmsten Mandanten, die eine Kanzlei betreuen kann.

Transaktionsvolumen, das früher manuellen Aufwand bedeutete, fließt heute weitgehend automatisiert in die Buchhaltung. Was bleibt, ist neben einer sehr deckungsbeitragsstarken Finanzbuchhaltung, die eigentliche steuerliche Beratungsarbeit und die lässt sich honorieren.

Skalierung statt Mehraufwand: das unterschätzte Potenzial

Kanzleien, die sich im Maschinenraum des Onlinehandels auskennen und deren Setup beherrschen, profitieren noch von einem weiteren Effekt, der in der Branche kaum diskutiert wird. Sie können mit identischer Mitarbeiterzahl deutlich mehr Mandate betreuen. Denn standardisierte Prozesse und funktionierende Vorsysteme reduzieren den operativen Aufwand pro Mandat massiv.

Ein gut aufgesetztes eCommerce-Mandat bindet weniger Ressourcen als ein klassisches Mandat vergleichbarer Umsatzgröße und erzielt gleichzeitig einen höheren Deckungsbeitrag. Wer zehn solcher Mandate betreut, verdient mehr als mit zwanzig klassischen. Das ist keine Theorie. Das berichten Kanzleien, die diesen Weg bereits gegangen sind.

Der Bedarf an spezialisierten Kanzleien wächst nicht graduell. Er explodiert.

Für Steuerkanzleien, die das verstehen, liegt darin eine erhebliche Chance. Der eCommerce gehört zu den wenigen Bereichen der europäischen Wirtschaft, in denen trotz aller Unsicherheiten kontinuierlich neue Unternehmen entstehen.

Während klassische Branchen mit stagnierenden Märkten kämpfen, kommen im digitalen Handel permanent neue Marken, neue Modelle, neue Mandanten. Viele dieser Unternehmen arbeiten von Beginn an international, investieren früh in Technologie und suchen aktiv nach Partnern, die ihre Strukturen wirklich verstehen.

Wer das bedienen kann, sichert sich einen Mandantenstamm, der in den kommenden Jahren weiter wächst. Dies ist ein starkes Fundament für die weitere Entwicklung von Steuerberatungskanzleien. Nicht zuletzt ist es auch eine Wertsteigerung, die vor allem für Kanzleiinhaber:innen wichtig ist, die einen Großteil ihrer Altersversorgung im potentiellen Verkauf ihrer Kanzlei sehen. Die Hürden, eine neue Kanzlei auf der grünen Wiese zu gründen, sind nicht mehr so hoch wie noch vor kurzer Zeit. Deshalb ist die attraktive Ausrichtung der Kanzlei in vielerlei Hinsicht Pflichtprogramm.

Allerdings reicht oberflächliche Beschäftigung mit dem Thema nicht aus. Mitarbeiter müssen geschult werden, digitale Prozesse müssen wirklich verstanden werden, Plattformmechaniken gehören zum Grundwissen. Das kostet Zeit und Investition. Kanzleien, die das unterschätzen, werden scheitern, auch mit dem besten Willen.

Ein Markt, der auf Kompetenz wartet

Die Onlinehändler von heute sind keine exotischen Sonderfälle mehr. Sie sind ein erheblicher Teil des modernen Mittelstands. Digitaler, internationaler und in vielen Prozessen technologisch weiter als klassische Unternehmen vergleichbarer Größe.

Das Steuerberatungsproblem der eCommerce-Szene wird sich nicht von selbst lösen. Aber es wird sich lösen lassen. Von Kanzleien, die bereit sind, sich ernsthaft mit diesen Unternehmen auseinanderzusetzen. Der Markt wartet. Die Nachfrage ist da. Was fehlt, ist das Angebot.


Der Newsletter für Onlinehändler

Authentische Insights und ehrliche Praxis-Tipps für echte Unternehmer statt leerer Versprechungen. Wenn auch du keine Lust auf Bubble-Hype und Fanboy-Gehabe hast, dann abonniere jetzt diesen Newsletter. Willkommen ❤️ in der SELR-Community.

Foto des Autors

Über die Autor*innen

Andreas Frank

Andreas Frank ist ein Pionier der deutschen Digitalwirtschaft, hat seit 1992 mehrere Internetfirmen mit Erfolg gegründet und ist an acht Exits beteiligt. Er wohnt in Palma de Mallorca und führt seine auf digitale Geschäftsmodelle spezialisierte FrankVestor GmbH in Hamburg. Frank ist ausgebildeter Werbekaufmann und hat Marketing, Kommunikation und Wirtschaftsrecht studiert. Er ist als Berater, Investor und Redner tätig und engagiert sich seit vielen Jahren im Expertenrat des Händlerbundes.